Studienabbruch Wirtschaftsinformatik:

Ein Erfahrungsbericht

Laut Statistiken brechen 50 Prozent der Informatikstudierenden ihr Studium ab. Auch in der Wirtschaftsinformatik ist der Anteil der Studienabbrecher recht hoch. Ist der Studienabbruch das Ende der Karriere? Wie geht es danach weiter? Wir haben darüber mit Fabian gesprochen. Er hat erst das Diplomstudium Informatik abgebrochen, es dann mit Wirtschaftsinformatik nochmal versucht, aber auch dieses Studium abgebrochen. Und heute ist er trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erfolgreich im Berufsleben.

Fabians Erfahrungsbericht

Hallo Fabian, danke für die Bereitschaft, über deinen Studienabbruch zu berichten. Über das Thema spricht kaum einer. Dabei wäre Aufklärung wirklich wichtig! Fangen wir mal von vorne an: Warum wolltest du Informatik bzw. Wirtschaftsinformatik studieren?

Mit 12 wollten wir dann wie Microsoft eine eigene Software-Firma gründen.

Mit 5 Jahren kam ich das erste Mal mit einem PC in Berührung – das 286er Notebook meines Dads. MS-DOS 5.0 – awesome ;). Es hat direkt gefunkt zwischen mir und der kleinen Kiste. Mein Vater, Sales Manager in einem internationalen Pharmakonzern, konnte mit dem Laptop nicht so viel anfangen – Texte schreiben, drucken, Ende.

Mir fiel es hingegen leicht, mit dem Notebook und dem OS zu kommunizieren und so verbrachte ich mehr Zeit damit als mein Vater, was dazu führte, dass es zu Weihnachten einen Commodore64 und im Folgejahr einen Amiga 500 gab.

Wir hatten damals eine Zeitschrift, die Code für Spiele zum Selbstentwickeln veröffentlichte. Irgendeiner meiner Freunde, die mittlerweile auch einen Amiga oder C64 hatten, kaufte sie und dann verbrachten wir jeden Nachmittag und das gesamte Wochenende vor dem Rechner bis das Spiel lief. Erstmal abtippen und dann debuggen – eine riesen Gaudi.

Mit 12 wollten wir dann wie Microsoft eine eigene Software-Firma gründen – HFP High Formatted Productions. Es wurden täglich Briefköpfe in Word und Publisher designed, gedruckt und wieder verworfen – intuitiv war mir klar, dass ohne ein ordentlich schillerndes Marketing wohl keinen interessieren würde, was wir da machten. Das Produkt sollte ein Defragmentierungsprogramm sein, so wie Norton DiskSpeed nur besser, schneller, weiter, höher. Solche Projekte begleiteten mich durch meine Jugend, mal intensiver, mal weniger.

Wie war es dann im Studium? Hast du recht schnell gemerkt, dass das Studium nichts für dich ist oder war es eher ein schleichender Prozess?

Ich kann mir eigentlich alles selbst beibringen.

Nach meinem Abitur kam nichts anderes als Studieren in Frage – „sonst wird man ja auch nix“ ist ja immer noch eine gängige Einstellung. Erst ein Jahr Informatik am KIT (Karlsruhe Institut für Technologie, u.a. Uni Karlsruhe) – langweilig. Es hat einfach der Praxisbezug gefehlt. Das Ergebnis einer „guten Note“ und eines sensationellen Abschlusses hat mich nie gereizt. Was sollte ich auch damit anfangen? Wofür so viele Dinge lernen, die sowieso „logisch“ sind?

Also entschied ich mich, mich an der Berufsakademie Karlsruhe, heute DHBW Karlsruhe, für den dualen Studiengang Wirtschaftsinformatik zu bewerben. Ich fand eine Firma, in der ich zunächst fünf Monate als Praktikant in der Systemadministration und im SAP Bereich arbeitete und danach das Studium begann. In meiner Praktikumszeit dort lernte ich extrem viel und es machte einen riesen Spaß. Mein Projekt war „Unattended Softwaredeployment mit Microsoft RIS“ – mega!

Als dann das Studium begann, hielt es die Personalabteilung leider für angemessen, mich in die Produktion des Unternehmens (eine Wäscherei) zu stecken, obwohl meine IT-Teamleitung nahezu täglich darum bat, dass ich wieder in die IT-Abteilung kommen solle, da sie mich brauchen – und ich brauchte sie ;). Daraus wurde leider nichts.

Die Ausbildungsleitung hatte einen festen Plan nach dem ich strickt alle Abteilungen des Unternehmens durchlaufen musste, auch wenn ich dort dann einfach nur gelangweilt meine Zeit absaß, weil es nichts zu tun gab. Schnell bekam ich ein Notebook von der IT und machte meine IT Arbeit eben nebenher. Doch es war einfach frustrierend, allein in einem Raum zu sitzen und die Errungenschaften am Server mit Niemandem teilen zu können.

Und so verließ ich das Unternehmen und brach das Studium ab, um mich selbstständig zu machen. Das Studium an sich, sowohl Informatik als auch Wirtschaftsinformatik, war viel zu theoretisch und uninteressant. Ich wollte Dinge erschaffen! Etwas Neues bauen. Aber alles, was wir lernten war pure Theorie – nahezu jeder quälte sich da durch.

Ich habe ein großes Talent zur Autodidaktik. Ich kann mir eigentlich alles selbst beibringen – es bedarf aber eines Ziels, es muss ein Outcome da sein, irgendetwas wofür ich das mache – ein Produkt muss herausfallen, das man benutzen und verbessern kann. Das konnte mir leider kein Studium bieten.

So ein Studienabbruch ist ja mit vielen Fragen und Sorgen verbunden. Hast du da mit jemandem drüber gesprochen? Was rätst du Studenten, die in der gleichen Situation sind?

Finde Deine Passion und dann gib 24/7 200 % dafür.

Ich glaube, dass es beim Studium heutzutage weniger um den Abschluss, als um das Finden seiner Passion geht. Moderne Startups suchen geradezu Studienabbrecher und bezahlen teilweise sogar mehr, als für Bachelor- und Master-Absolventen. Warum? Weil diese Menschen, wenn sie sich selbst ordentlich verkaufen können und in der entsprechenden Domäne auch Wissen und Talent haben, in der Lage sind, schwierige Entscheidungen zu treffen und diese durchzuziehen.

Ich glaube, dass man nur gut in einem Beruf sein kann, den man liebt – das kann auch eine Hassliebe sein ;). Finde Deine Passion und dann gib 24/7 200 % dafür – das ist der Schlüssel zum Erfolg!

Wie man an deinem Beispiel sieht, ist das Leben nach einem Studienabbruch längst nicht vorbei. Du hast u.a. bei einer IT-Unternehmensberatung Karriere gemacht und bist heute als Produktmanager erfolgreich. Wie verlief die Zeit nach dem Studienabbruch?

Entwicklung und Produktmanagement bestimmten meinen Alltag – und ich liebe es gleichermaßen!

Zunächst habe ich im Sales, Channel, Key Account und PreSales bei einem IT Startup für Device Management und Security gearbeitet. Startup war super für mich, da ich sowohl am Produktdesign (Features) durch mein Kundenfeedback mitarbeiten, als auch meine extrovertierte Art ausleben konnte.

Nach 1,5 Jahren wollte ich wieder ein wenig technischer agieren und bin zu einem IT Dienstleister als Technical Account Manager und dann als Consultant. Zunächst war ich der einzige Consultant für das Produkt Matrix42 Service Store, doch der Erfolg meiner Dienstleistungen verschaffte uns genug Aufträge für fünf weitere Consultants in diesem Bereich und schnell waren wir das größte Department im Unternehmen, welches dann auch die gesamte Strategie danach ausrichtete.

Mein Drang Neues zu erschaffen, lenkte mich dann in die Produktentwicklung und das Produkt Management. Ich überzeugte meine Kunden, in eine App-Entwicklung zu investieren. Meine Geschäftsführer sahen den Markt und den Business Case. Ich habe mir dann die entsprechende Programmiersprache C# für App und Backend angeeignet und losgelegt.

Nach zwei Monaten war der erste Prototyp beim Kunden und nach neun Monaten die ersten grünen Zahlen in der Kasse. Entwicklung und Produktmanagement bestimmten meinen Alltag – und ich liebe es gleichermaßen! Angesteckt vom Erfolg, wechselte ich dann zum Hersteller, wo ich heute als Senior Product Manager und Product Owner mit 5 Teams und insgesamt 40 Dev Team Membern richtig geile Produkte baue und selbst noch an einer eCommerce Plattform, dem Matrix42 Marketplace, aktiv(st) entwickle.

Was ist dein Fazit? Wie sollten Wirtschaftsinformatik Studenten nach dem Studienabbruch weiter vorgehen? Wie stehen die Chancen, einen guten Job zu bekommen?

5 Tipps für beruflichen Erfolg nach dem Abbruch.

  1. Such dir 10 Unternehmen, die du liebst, deren Produkte Du vergötterst und die Du täglich nutzt. 
  2. Erstelle eine Bewerbungskampagne. Nicht nur einen einfachen Lebenslauf und ein schnödes Anschreiben. Mach ein Video, eine Homepage! 
  3. Beschreibe, warum das Unternehmen nicht ohne Dich leben kann. Aber nicht, indem Du die Fehler hervorhebst, die Du siehst, sondern indem Du Deine Begeisterung für die Produkte und das Unternehmen kundtust! Du musst dem Unternehmen klar machen, dass Du alles dafür tun wirst, dass Unternehmen weiter nach vorne zu bringen. 
  4. Act first and then ask for forgiveness!“
  5. Geh in jedes der Unternehmen und übergib Deine Bewerbung persönlich dem Recruiting Manager!

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